Die Modell AG
 

"Mauretania"


Hersteller: Airfix
Maßstab: 1:600

 

In der zweiten Rezension wollen wir nicht den nächsten Titanic-Modellbausatz besprechen, sondern ein anderes Schiffsmodell untersuchen, um einfach etwas Abwechslung zu bringen. Aber keine Angst, liebe Titanic-Freunde, der nächste Titanic-Bausatz wird garantiert kommen.

Wir behandeln dieses Mal einen Bausatz der legendären R.M.S. Mauretania von der Firma AIRFIX.

Die Firma AIRFIX brachte seit Beginn der sechziger Jahre ein umfangreiches Modellbauprogramm auf den deutschen Markt und lieferte sich mit der Firma REVELL ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Marktanteile. Im Gegensatz zu REVELL war das Angebot von AIRFIX  in sogenannte ”Serien” sortiert:

Die Modellbausätze erschienen je Serie im einheitlichen Maßstab (Schiffe meist im Maßstab 1:600). Damit konnte man eine in sich passende Sammlung aufbauen. Besonders interessant war, dass einzig AIRFIX mit zahlreichen Bausätzen von Passagierschiffen aufwartete. Da gab es die Free Enterprise (Kanalfähre), die Mauretania, die Queen  Elizabeth, die France, die Canberrra und die Queen Elizabeth 2.

Vertreten wurde AIRFIX in Deutschland von der Firma PLASTY GmbH, die aber in den achtziger Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und somit  AIRFIX-Modellevorübergehend vom Markt verschwanden. Seit kürzerer Zeit ist AIRFIX wieder am Markt, vertreten durch die Firma TAMIYA.  Der neue Katalog entspricht einem reduzierten Stand vor der Liquidation und enthält mittlerweile wieder zwei Passagierschiffe: die R.M.S. Mauretania und die S.S. Canberra.

AIRFIX lieferte durchgehend sehr hohe Qualität, ergänzt durch eine eigene Farbpalette der Firma HUMBROL. Generell zu beachten ist, dass AIRFIX bei allen Schiffsmodellen auf die Nachbildung der Reling verzichtet.

 

(Bild 1) Der Bausatz der Mauretania im Maßstab 1:600 ist seit Sommer zum Preis von cirka 25,- DM wieder im Fachhandel erhältlich.

Äußeres

Die Verpackung präsentiert sich mit einem in grellen Farben gehaltenen Gemälde der Mauretania, die gerade die Freiheits-Statue passiert. Dieses Bild erinnert an die frühen Werbeplakate der Cunard und ist in diesem Zusammenhang durchaus ansprechend. Eine eingefügte Skala von eins bis vier  wichtet den Schwierigkeitsgrad des Baukastens. Der Zeiger steht auf ”drei”. Was das aber für den Bastelfreund bedeutet, wird nicht verraten.

Auf der Verpackungsseite ist ein kleines Feld abgedruckt, auf dem die Modellgröße sowie die Anzahl der Teile (139) abgelesen werden können. Erster Eindruck: 139 Teile für ein Modell dieser Größe ist ordentlich. Wir können  bereits jetzt schlussfolgern, das kleine Teile wie Rettungsboote, Kräne und ähnliches in Einzelteilen ausgeführt sind. Eine weitere Tabelle weist auf die benötigten Farben hin. Leider sind Farben der Firma HUMBROL nicht überall erhältlich und müssen erst bestellt werden. Ich empfehle auf  REVELL-Farben umzusteigen, eine Umsetztabelle habe ich am Ende angehängt. Benötigt werden für diesen Bausatz mindestens sieben Farben (wobei es jedem Modellbauer natürlich überlassen bleibt, durch zusätzliche, aufwendigere Bemalung sein Modell aufzuwerten). Mehr Informationen sind der Verpackung leider nicht zu entlocken, und so wenden wir uns dem Inhalt zu.

(Bild 2)

Der Inhalt

Erster Schock: Die Bauteile präsentieren sich in Schlachtschiffgrau! Bausätze ziviler Schiffe sind normalerweise in weiß gehalten, aber offensichtlich wird unter der Regie von TAMIYA ein strenges Kostenmanagement geführt und Materialsorten gestrafft. Der Rumpf ist zweiteilig. Die Luken sowie die Bullaugen und Farbtrennlinien sind aufgeprägt. Nach ”AIRFIX-Tradition” wirken die Schiffsrümpfe allesamt irgendwie ”steril”: Sie sind absolut glatt, keinerlei Beplankung ist zu erkennen. Die Mauretania lief im September 1906 vom Stapel und ihre Konstruktion wurde von Nieten zusammengehalten; davon ist leider nichts zu erkennen. Die Decks sind aber sehr schön strukturiert und ohne Reling ausgeführt. Die Aufbauten des Oberdecks verfügen über eingeprägte Fenster und Türen (Bootsdeckaufbau, Brückenaufbauten). Die tieferliegenden Decksaufbauten verfügen lediglich über aufgeprägte Türen. Diese Merkmale erleichtern später die farbliche Gestaltung erheblich. Etwas störend ist, dass in einigen Aufbauten große Eingänge als einfache Löcher ausgeführt sind und somit die geschlossene Harmonie beeinträchtigen. Wie erwartet, sind Boote, Davits, Kräne, große Oberlichtabdeckungen und Lüfter (mit Öffnungen) separat zu montieren (erhöht wohltuend die Detailfülle).

Die Bauteile sind recht sauber gespritzt. Das verwendete Spritzmaterial wirkt relativ weich und leicht; alles in allem wird die alte AIRFIX-Qualität von früher nicht mehr erreicht.

Beigefügt sind die wichtigsten Abziehbilder und ein Blatt mit farbigen Flaggen zum Ausschneiden.

Die Bauanleitung

An der Bauanleitung selbst gibt es keine gravierende Kritik; sie ist leicht verständlich und ohne Fehler und Widersprüche. Nachteilig ist hier lediglich die Übernahme einer weiteren ”AIRFIX-Tradition”: In den einzelnen Baustufen finden sich keinerlei Hinweise auf die Bemalung. Erst am Ende des Bauplanes ist eine Zeichnung angehängt, auf der das fertige Modell in zwei Positionen (Seitenansicht und Draufsicht) abgebildet ist. Verschiedene Grautöne weisen auf die zu verwendenden Farben hin. Da ein Modell immer in den einzelnen  Baustufen zu bemalen ist, muss ständig hin und her geblättert werden, um herauszufinden, welche Farbe gerade zu verwenden ist. Bei ganzen Bereichen (z.B. die unteren Decks), die auf dem Bemalungsplan gar nicht zu erkennen  sind, ist das Verständnis und die Fantasie des Modellbauers gefordert. Einen gravierenden Fehler enthält dieser Bemalungsplan allerdings: Der vordere, geschlossene seitliche Teil des A-Deckaufbaus ist laut Plan schwarz anzustreichen, tatsächlich ist aber weiße Farbe zu verwenden (vgl. Deckelbild).

Besondere Montagehinweise

Die Montage bereitet keine besonderen Schwierigkeiten; die Teile passen zufriedenstellend und müssen nur wenig nachgearbeitet werden. Einige Hinweise möchte ich dennoch geben:

In der Baustufe 13 sind die Bootsdavits zu montieren. Die Davit-Teile sind mit Passstiften versehen, die in Bohrungen im Bootsdeck eingeklebt werden. Diese Passstifte sind allerdings länger, als das Bootsdeckteil dick ist, deshalb sieht man die Stifte nach der Montage aus der Decke des darunterliegenden Promenadendecks hervorschauen. In diesem Punkt ist der Bemalungsplan absolut korrekt: Dieser Mangel ist sogar zeichnerisch abgebildet!

Tipp: Die Passstifte vor der Montage auf ca. 1,5mm kürzen und die Schnittkanten vorsichtig rundfeilen.

In der Baustufe 6 ist der Bootsdeckaufbau (Teile 10 und 11, Seitenteile; Teil 12, Dach) zu montieren. Diese beiden Seitenteile sind sehr lang (und damit zu biegsam) und auf dem Bootsdeck bei der Montage schlecht zu fixieren.

Tipp: Vor der Bemalung dieser Teile unbedingt feststellen, ob die genannten Teile absolut gerade sind (wenn nicht, in heißem Wasser korrigieren). Danach Teile 10, 11 und 12 zusammenbauen. Noch vor dem Aushärten der Klebestellen die Passgenauigkeit auf dem Bootsdeck feststellen und nötigenfalls korrigieren.

Im Gegensatz zu Titanic-Bausätzen, wo die Decksstützen der offenen Promenade nachgebildet sind, fehlen diese Stützen bei der Mauretania gänzlich. Die überdachten Promenaden wirken daher irgendwie unvollkommen (besonders im hinteren Bereich der zweiten Klasse, wo auch noch die geschlossene Reling fehlt).

Tipp: Wer sich die Mühe machen will, kann diese Stützen relativ leicht nachbilden. Entweder verwendet man 1mm starken, rechteckigen Silberdraht (im Fachhandel zur Schmuckherstellung), oder gleichstarken Kupferdraht (kann man aus Stromkabeln gewinnen), den man vor dem Zurechtschneiden etwas plattklopft. Schnittstücke in die Decks einpassen und verleimen. Danach vorsichtig bemalen. Nach dieser Aktion gewinnt das Modell gewaltig!

(Bild 3) Ich habe einen vereinfachten Takelageplan abgebildet. Wer sein Modell mit einer Takelage ausrüsten möchte, muss sich bereits zu Beginn der Montage dafür entscheiden. Die nötigen Bohrungen und Schnittkanten habe ich eingezeichnet.

Farbgebung, Bemalung

Auf Besonderheiten der Bemalung habe ich bereits hingewiesen. Da HUMBROL-Farben nicht überall vorrätig sind, hier die Vergleichsfarben von REVELL:

 

HUMBROL

REVELL

10 – Dunkelbraun (Glänzend)

81 – Dunkelbraun (Glänzend)

16 – Gold (Metallic)

94 – Gold (Metallic)

19 – Hellrot (Glänzend)

31 – Feuerrot (Glänzend); alternativ*: 330 Feuerrot (Seidenmatt)

21 – Schwarz (Glänzend)

07 – Schwarz (Glänzend), alternativ*: 302 – Schwarz (Seidenmatt)

22 – Weiß (Glänzend)

04 – Weiß (Glänzend); alternativ*: 301- Weiss (Seidenmatt)

70 – Ziegelrot (Matt)

37 – Ziegelrot (Matt)

71 – Satin-Eichgrün (Seidenmatt)

314 – Beige (Seidenmatt)

Anmerkung: * Seidenmatte Farben sind authentischer.

Für die Bemalung der Fenster empfehle ich 378 – Dunkelgrau (Seidenmatt), Türen oder Türrahmen 382 – Holzbraun (Seidenmatt).

Abziehbilder

Hierzu sind keine besonderen Angaben zu machen; standardmäßig sind Schriftzüge und Tiefenlote beigefügt.

Abschließende Bewertung

Insgesamt ein sehr gefälliges und solides Modell ohne besondere Anforderungen an handwerkliche Fähigkeiten. Auch ohne die aufgezeigten Verbesserungen erhält man ein kleines, aber dennoch repräsentatives Modell. Mit anderen Passagierschiffsmodellen in diesem, oder zumindest annähernd gleichen, Maßstab kann man sich eine Sammlung von Passagierschiffen zusammenstellen, die eine relativ weite Epoche umfasst. Die kleinen Schwachpunkte dieses Modells sollten von einem Kauf nicht abhalten. Nach meiner Einschätzung dürfte dieses Modell nicht allzu lange auf dem Markt sein, daher sollte man ein Kauf nicht über Monate oder noch länger aufschieben.

Bewertungspunkte

·         Verpackung (Noten 1 bis 6): Note 3

Hübsches Deckelbild; leider ist die Verpackung wenig informativ, vor allem keine Abbildung eines fertigen Modells.

·         Bauteile (Noten 1 bis 6): Note 2-

Die Bauteile passen gut, müssen nur wenig nachgearbeitet werden. Leider ist das verwendete Material sehr weich; es besteht die Gefahr, dass die Bauteile beim Bearbeiten schnell beschädigt werden.

·         Farbgebung (Noten 1 bis 6): Note 4

Der beigefügte Bemalungsplan ist unpraktisch, fehler- und lückenhaft. Die Bemalung besonders kleiner Teile (z.B. Poller) geht überhaupt nicht aus dem Plan hervor. Eigene Recherche zur Farbgebung ist erforderlich.

·         Authenzität, Detailfülle (Noten 1 bis 6): Note 2

Ich bitte um Verständnis, wenn ich mich bei den Modellrezensionen auf das Wesentliche beschränke und nicht jedes Bullauge nachzähle. Vor diesem Hintergrund sind die Empfehlungen zu verstehen.

 

Das Modell bietet die Möglichkeit für eine Fülle von eigenen, relativ leicht anzubringenden Verbesserungen. Der Rumpf wirkt durch die fehlende Struktur ”steril”; in den unteren Promenadendecks fehlen leider die Fenstereinprägungen, was sich aber ebenfalls relativ leicht beheben lässt. Die Technik hierfür habe ich in unserem Navigator Nr. 3 vom Dezember 1998 im Beitrag ”Die Titanic im Modellbau”, Seite 50 ff, ausführlich beschrieben.