Die Modell AG
 

SS Nomadic

Eigenbau 1/350

 „Willkommen zu Hause“. Dieser Werbeslogan eines bekannten deutschen Automobilherstellers der gehobenen Klasse war das Erste, was mir eingefallen ist, als das letzte „White Star“-Schiff in den Heimathafen seiner Erbauer nach vielen Jahrzehnten zurückkehren durfte. Vielerlei Kraftanstrengungen von Enthusiasten waren nötig, um diesen Dampfer vor seiner sicheren Verschrottung zu bewahren. Gerettet ist unsere Nomadic leider nur vorerst und bis auf weiteres. Viele Millionen Pfund sind noch nötig, um das Schiff in einen passablen Zustand zu versetzen, und diese Summe ist noch nicht gesammelt.

Auch wenn die Nomadic kaum schwimmfähig ist, ihre Aufbauten abgeschnitten sind, so ist immer noch die Eleganz ihrer Rumpfform spürbar, die allen „White Star“-Linern gemeinsam war. Ihre Silhouette ist durchaus der Titanic nachempfunden, wenn auch die Breite des Rumpfes ein wenig bauchiger ist.

Nun, aus diesem „aktuellem Anlass“ habe ich daher mein Modellbauprogramm abgeändert, wozu auch unsere diesjährige Jahreshauptversammlung den Grundstein gebildet hat. Um alle Fragen gleich vorweg zu beantworten: die Nomadic gibt es nicht als Fertigmodell, weder aus Kunststoff, noch aus Pappe. Dieses Schiff als Modell nachzubauen geht nur im Eigenbau. Dafür braucht man natürlich entsprechende Unterlagen, d.h. Pläne, Zeichnungen, Fotos. Und die gab es auf unserer Jahreshauptversammlung in Form des französischen Buches „Le S/S Nomadic, Petit frère du Titanic“ der Autoren Fabrice Vanhouette und Philippe Melia. Auf 133 Seiten wird detailliert die Geschichte dieses Tenders geschildert, gespickt mit einer Fülle von Fotos und, das war besonders wichtig, mit maßstäblichen Zeichnungen, zwar keine Baupläne, aber immerhin. Den Erwerb beim vereinsinternen Kauf habe ich mir, keine Ahnung mehr warum, verkniffen (Sorry, Stefan), aber bei der Tombola nach unserem Gala-Dinner war mir das Glück hold, in Form unserer männlichen „Glücksfee“ Felix Moser, der mir dieses Buch überreichen konnte (Danke für die Tombolaspende, Stefan!). Der Gedanke, nun den Bau der Nomadic mit diesen Unterlagen zu konkretisieren, reifte schnell. Abweichend von den üblichen Rezensionen fertiger Bausätze will ich Euch nun an dieser Stelle von den Vorbereitungen und dem Bau der Nomadic berichten.

Der Eigenbau von Modellen bedarf einer gründlichen Vorbereitungsphase, die einerseits eine kritische Prüfung der vorhandenen Bauunterlagen, und andererseits eine selbstkritische Beleuchtung der eigenen Fähigkeiten beinhalten sollte. Wird hier bereits am Anfang „gemogelt“, dann ist die Gefahr sehr groß, dass entweder unser Modell nie fertig wird, oder dass nicht das angestrebte Ergebnis erzielt werden kann.

Erster Schritt: Prüfung der Bauunterlagen

Welche Unterlagen stehen zur Verfügung? Baupläne, die alle Seitenansichten beinhalten? Sind Deckspläne und, idealer weise, Spantenrisse vorhanden? Sofern nicht vermerkt, feststellen, in welchem Maßstab diese Pläne abgedruckt oder kopiert wurden. Als Ergänzung unabdingbar sind Fotos, möglichst datiert oder datierbar. Baupläne sind nicht immer zuverlässig, wenn es um Details geht. Ich erinnere da an einen Vortrag von Robert Hahn. Oft wurde die Ausführung im letzten Moment geändert, ohne dass die Baupläne aktualisiert wurden. Gemälde sind mit noch größerer Vorsicht zu genießen, hier gilt in letzter Konsequenz immer die Freiheit des Künstlers, auch wenn hartnäckig etwas anderes behauptet wird (siehe meinen Beitrag im Navigator zum Bau der Britannic).

Zweiter Schritt: Prüfung der Baudurchführung

Wir müssen zunächst festlegen, in welchem Maßstab wir unser Modell fertigen wollen. Dabei kann man sich an den vorhandenen Bauplänen oder Bauzeichnungen orientieren, was den Bau etwas vereinfacht. Wird ein anderer Maßstab gewählt, müssen alle Einzelmaße der Bauunterlagen abgenommen und umgerechnet werden. Das ist recht mühselig und auch aufwändig. Letztendlich geht es dann darum, dass wir eigene Bauunterlagen aus den Vorlagen erstellen müssen. Die nächste Phase beinhaltet die Materialprüfung. Welche Baumaterialien können praktischerweise verwendet werden? Von der Wahl der Materialien ist der Aufbau unseres Modells in allen seinen Phasen abhängig, und der muss vor unserem geistigen Auge schon jetzt Form annehmen. Abschließende Frage: wie stelle ich die Details her? Lüfter, Treppen, Poller, Winschen, Boote, Fenster, Türen u.v.m. .

Dritter Schritt: Einschätzung der eigenen Fähigkeiten

Da wir unser Modell komplett selbst erstellen wollen oder müssen, sollte sich die Realisierung an den eigenen Fähigkeiten orientieren. Hierbei gilt der Grundsatz, dass sehr große Modelle meistens in Spantenbauweise hergestellt werden müssen, wo für wenig geübte Modellbauer große Tücken lauern. Auch andere Techniken, wie beispielsweise die Tiefziehtechnik von Kunststoffen, sind da nicht wirklich einfacher. Auch lenken große Modelle automatisch den Blick der Betrachter auf Details, die dann entsprechend verwirklicht werden müssen. Das kann bis zum Nachbau von Türklinken und Wasserhähnen reichen. Kleinere Modelle hingegen scheitern oft an der ziemlich fummeligen Winzigkeit von Bauteilen, Fenster und Türen sind oft nur Millimeter groß. Im Klartext heißt das: Das Vorbild in seiner Gesamtheit betrachten, die prinzipielle Aufbaustruktur erfassen, auf die Struktur des geplanten Modells überleiten und die vernünftige Realisierung aller Details kritisch beleuchten.

Vorbereitung und Baustart unserer Nomadic

Nun, über den Maßstab eines künftigen Nomadic-Modells war ich mir von Anfang an im Klaren. In allen meinen Rezensionen habe ich immer die Linie verfolgt, Modelle in möglichst vergleichbaren Maßstäben zu bauen. Was lag also näher, die Nomadic in gleichem Maßstab zu bauen,  wie die Olympic-Klasse, also 1/350? Damit würde das Modell in etwa eine Länge von 20 cm haben. Eine intensive Durchsicht des französischen Buches ergab, dass die Zeichnungen und die Fotos eine ausreichende Basis für den Bau darstellen würden. Allerdings waren die Zeichnungen im Maßstab 1/200 abgedruckt, somit musste ich alle Maße, wie oben erwähnt, einzeln abnehmen und umrechnen. Weiterer Wermutstropfen: Im Buch waren keine Spantenrisse abgedruckt, somit konnte ich die Formgestaltung der Rumpfes nur nach den Fotos annäherungsweise vornehmen.

Bei der Zusammenstellung der Baumaterialien konnte ich, wie jeder Modellbauer, auf einen großen Fundus zurückgreifen:

  • Decks und Aufbauten aus Polystyrolplatten, 0,5, 1,5, 2 bzw. 3 mm stark
  • Rumpf aus 2,5 mm starken Balsaholz
  • Verstrebungen des Oberdecks aus Polystyprolrechteckstäben, 2 mm
  • Schornstein aus 7 mm Messingrohr
  • Alle Beschlagteile (Treppen, Relings, Poller, Lüfter, Winschen usw.) von einem teilausgeschlachteten „Minicraft“ Titanic-Bausatz (1/350), bzw. von dazu gehörigen Fotoätzteilen aus Messing.

 Vor dem eigentlichen Baustart fertigte ich mir erst mal Schablonen, mit deren Hilfe ich die groben Dimensionen des Rumpfes und der Aufbauten kontrollieren konnte. Eine Schablone für die Seitenansicht des Schiffes, und eine Schablone für eine Rumpfhälfte (Deckssicht). Ein Decksplan aus dem Buch wurde umgerechnet und auf eine Papierschablone übertragen. Daraus wurde eine Pappschablone, die wiederum für die Balsaholzteile verwendet wurden. Zunächst plante ich, den kompletten Rumpf aus Balsaholzschichten zu bauen. Allerdings wurde ich auch hier in meinem Fundus fündig: der Rumpf eines alten „Hasegawa“-Bausatzes der Hikawa Maru im Maßstab 1/700 passte in seinen Abmessungen und seiner Form fast perfekt zum Nomadic-Rumpf. Die Länge stimmte praktisch millimetergenau, nur die Breite war ein wenig zu schmal. Trotz der kleinen Unterschiede entschied im mich, diesen Rumpf als Basis zu verwenden. Die Aufbauten waren schnell abgesägt, das Unterwasserschiff bildete ich mit den Balsaholzteilen nach. Dort, wo später das Ruder angebracht werden würde, musste ich allerdings einen kleinen Kielsteven aus Kunststoff einsetzen, da dieser Rumpfbereich mit dem weichen Balsaholz nicht genau genug ausgeformt werden konnte.  Die beiden Teile, d.h. der Kunststoffrumpf des Überwasserschiffes und der Balsaholzrumpf des Unterwasserschiffes klebte ich mit Epoxy-Harzkleber zusammen (zwei Komponentekleber: Kunststoffharz plus Härter, der angerührt werden muss, „Durax 5 min“). Die Balsaholzschichten werden hervorragend mit Ponal-Holzleim zusammengehalten. Nach dem Aushärten hieß es: spachteln und schleifen, spachteln und schleifen und nochmals spachteln und schleifen. Als Spachtelmasse verwende ich seit Jahren Nitro-Spachtelmasse aus dem Autozubehör. Aufgetragen mit einer kleinen Kelle aus dem Malereizubehör lässt es sich hervorragend verarbeiten.

Als nächste Herausforderung war die Frage zu klären, wie die Seitenwände mit den großen, rechteckigen Fenstern zu realisieren sind. Zunächst wollte ich ebenfalls auf vorhandene Teile zurückgreifen und die Seiten des B-Decks eines Titanic-Modellrumpfes aussägen und auf dem Nomadic-Rumpf kleben. Die Fenster hätten die richtigen Dimensionen gehabt (Höhe knapp 3 mm, Breite knapp 2 mm). Leider zeigte sich aber, dass die Fensterabstände beim Titanic-Rumpf deutlich größer waren, als bei den Fenstern des Nomadic-Rumpfes. Fazit: Nicht zu verwenden. Also musste ich in den sauren Apfel beißen, und mir die Seitenteile selber herstellen. Aus einer 0,5 mm starken Polystyrolplatte wurden zwei Streifen geschnitten und die Fenster vorgezeichnet. Mit einem Bastelmesser schnitt ich jedes einzelne Fenster aus, allerdings so, dass die Fenster unten offen waren (d.h. mit Einschnitten, wie bei einem Kamm). Das war nötig, damit ich mit einer kleinen Schlüsselfeile die Fensteröffnungen nachfeilen konnte. Danach wurde die untere Öffnung mit einer 1 mm breiten Kunststoffleiste der Länge nach verschlossen. Die Klebenaht anschließend gut verspachtelt und geschliffen. Allerdings war auch klar, dass ein nur 0,5 mm breiter Kunststoffstreifen, auf den Rumpf geklebt, nicht genügend Festigkeit hergeben würde. Bei der kleinsten Belastung, und die würde beim Weiterbauen zweifellos kommen, würden die beiden Seitenteile wegknicken. Was konnte ich tun? Nun, nach allerlei Überlegungen entschied ich mich, von Original abzuweichen, und die Deckstruktur für das Modell zu ändern. Bei der originalen Nomadic liegen die beiden freien Decks, achtern und am Bug, ein halbes Deck höher, als das mittschiffs gelegene Deck (das mit den großen Fenstern). Bei meinem Modell ist das nun anders: Ich zog das Deck vom Bug bis zum Deck komplett durch. Die auf jeder Seite nach innen gelegten Eingangsbereiche mussten natürlich entsprechend im Rumpf und im Deck eingesägt werden. Vor dem Einbau des Decks habe ich im Bereich des achterlichen Decks die Vertiefung eingebaut, um den hinteren Eingangsbereich (mit zwei Türen) nachzubilden, der ein halbes Deck tiefer lag.

Auf das durchgehende Deck klebte ich sechs je 2 mm starke Querstreben, an denen die beiden großen Fensterteile nun genügend Halt fanden. Damit diese Ungenauigkeit nicht auffällt, habe ich dieses Deck mittschiffs und die Querstreben matt schwarz lackiert. Nach dem Einbau der Verglasung fällt das nicht mehr auf. Diese Streben dienen auch als Auflagepunkte des nächst höheren Decks. An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig es ist, sich, wo nötig, von dem Original zu lösen, und den Aufbau des Modells so zu ändern, dass die Modellstruktur für den Weiterbau vorteilhaft und vor allem stabil wird. Beim Eigenbau muss in allen Bauphasen gebohrt, geschliffen und gespachtelt werden. Das geht aber nur, wenn ein Minimum an Stabilität vorhanden ist.

Nach dem Aushärten der Seitenteile war der Einbau der vier seitlichen Eingangsbereich an der Reihe. Diese Bereiche bestehen aus in den Rumpf zurück gesetzten Wandteilen mit einem zentralen Rechteckfenster, sowie zwei Türen mit je einem Bullauge. Für die Größe bei unserem 1/350-Modell war das schon eine echte, „feinmechanische“ Herausforderung. Alles im Allem bin ich mit dem Ergebnis aber zufrieden.

Nach dem Einpassen konnte das Deck nun verklebt werden. Da auch dieses Bauteil aus sehr dünnem Material bestand (Polystyrol 0,5 mm), musste ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden, dass das Deck beim Einbau nicht wellig wurde, da es ja nur auf den Querstreben ruhte. Daher hatte ich ein entsprechendes Holzklötzchen gesägt, was in Breite und Länge diesem Deck entsprach. Mit zwei Schraubklemmen und diesem Holzklötzchen konnten die Druckkräfte gleichmäßig verteilt und das Deck exakt verleimt werden. Für diese Arbeit habe ich herkömmlichen Polystyrolklebstoff verwendet. Sekundenkleber würde ich hier nicht empfehlen, da keinerlei Korrekturen mehr möglich sind. Nach dem Aushärten konnte mit der Herstellung der nächsten Decksaufbauten begonnen werden. Zunächst schnitt wir uns aus einer 1 mm starken Polystyrolplatte einen 7 mm breiten Streifen. Danach mussten wieder alle Maße des Aufbaus aus der Zeichnung im Buch auf die Baupläne umgerechnet und übernommen werden. Die Kunststoffstreifen wurden in Stücke geschnitten und aus den Streifen die beiden Hälften des Aufbaus hergestellt. Aus einem 2 mm breiten (0,3 mm starken) Polystyrolstreifen schnitt ich die Türen zurecht (danach Aufkleben (mit Sekundenkleber) und danach die Bullaugen gebohrt (0,8 mm)). Bevor ich die beiden Hälften mit den äußeren Querwänden verbinden konnte, musste die Passgenauigkeit der an beiden Enden des Aufbaus gelegenen Treppenhäusern an Hand unser Treppenteile aus Messing überprüft (Hier: Prüfen vor Messen!). Ich verklebte also  zwei Messsingtreppen (aus dem Gold medal plus-Sortiment für Titanic und Lusitania) miteinander an den Flanken. Die Treppenhäuser des Aufbaus mussten exakt so breit sein, dass die doppelten Treppen hinein passen würden. Erst als das sichergestellt war, konnten die beiden Hälften des Aufbaus mit den Querwänden verklebt werden. Den Aufbau habe ich aber noch nicht auf das Deck geklebt, er musste noch für Messungen in der nächsten Bauphase herhalten. Bild 1 zeigt nun diesen Bauabschnitt.

Im nächsten Schritt schnitt ich nun das Bootsdeck zurecht, ebenfalls aus einer 0,5 mm starken Polystyrolplatte. Ein stärkeres Material wollte ich nicht wählen (z.B. 1 mm starke Platte), das hätte bei dem kleinen Modell recht klobig gewirkt, zumal die Stärke des Decks  an den Seiten sichtbar sein würde. Klar war daher, dass das Deck besonders im „freitragenden Bereich“ ohne stabile Stützte vorne und achtern recht wacklig werden würde. Den noch nicht fest montierten Decksaufbau konnte ich als Schablone für das Einsägen der beiden Decköffnungen für die beiden Treppenhäuser verwenden. Danach mussten noch die drei Öffnungen für die am hinteren Ende des Bootsdecks gelegenen Drucklüfter gebohrt werden (Durchmesser je 2,5 mm). Als letztes stellte ich den Durchlass für den zentralen Schornstein her. Der Schornstein der Nomadic war im Gegensatz zu den Schornsteinen der großen Liner kreisrund. Im Modell beträgt der Durchmesser etwa 7 mm.  Den Schornstein gewann ich aus einem 7 mm starken Kunststoffrohr. Für die Begrenzung der schwarzen Schornsteinkappe sollten wir uns die Mühe machen, diese mit einer rund herumlaufenden Kupferlitze optisch hervor zu heben. Die beiden Dampfrohre am Schornstein konnte ich leicht aus einem 0,5 mm starkem Kupferdraht herstellen.

Schwieriger gestaltete sich nun die Herstellung der Bootsdeckverstrebungen. Sie durften einerseits nicht zu stark sein, mussten aber andererseits dem Deck ausreichend Stabilität verleihen, immerhin war das 0,5 mm starke Material, wie oben erwähnt, unerwünscht biegsam, konnte aber auf Grund des kleinen Modells keinesfalls stärker gewählt werden. Die Frage war nun, mit welchem Material sollten die Streben hergestellt werden? Als Alternative stand 0,5 mm starker Kunststoffdraht zur Verfügung. Vorteil: sehr leicht zu biegen, wenig Widerstand. Nachteil: diese Kunststoffdrähte würden dem Deck aber keinerlei Stabilität verleihen. Die Überlegung war, in Kiellinie einen dünnen Stahlsdraht an der Unterseite des Decks aufzukleben, um die nötige Festigkeit zu erreichen. Die zweite Alternative war, die Streben auch aus 0,5 mm starken Kupferdraht herzustellen. Vorteil: hohe Stabilität, Nachteil: relativ schwer zu biegen. Aus Gründen der Stabilität entschied ich mich, die Verstrebungen aus Kupferdraht herzustellen. Mit Sekundenkleber habe ich die Drähte an der Unterseite des Decks aufgeklebt, im „freitragenden Bereich“ durchgängig, im Bereich des Decksaufbaus waren die Klebeflächen allerdings sehr klein (1 mm), so dass diese Klebestellen erst nach mehreren Anläufen einigermaßen hielten (immerhin musste nach dem Kleben noch kräftig gebogen werden). Nach schweißtreibenden Stunden war aber das Resultat einigermaßen zufrieden stellend: die Streben waren regelmäßig gebogen und hielten das Deck stabil. Nach dem Lackieren des Aufbaus (den rostroten Streifen an den Wandsockeln nicht vergessen!) konnte dieser dann aufgeklebt werden.

Mit dieser Arbeit war eigentlich der schwierigste Teil erledigt. Nach dem Lackieren des Modells ging es nun an die Kleinteile. Hier startete ich mit der Herstellung und Montage der Drucklüfter. Auch hier konnte ich auf Material aus dem Academy-Bausatz Titanic  zurück greifen. Allerdings mussten die Rohre einiger Lüfter verlängert werden, insbesondere die drei am hinteren Ende des Bootsdecks gelegenen Lüfter, die durch das Bootsdeck bis hinunter zum Promenadendeck reichten (Anm.: Hier bitte ich die Nomadic-Experten um Nachsicht. Ich bin über die genaue Bezeichnung der Nomadic-Decks nicht informiert). Hierfür benutzte ich gut 2 mm starke Kunststoffstäbe, die perfekt zu den Lüftersockeln passten. Zusammenkleben und danach lackieren. Die einzelnen Lüfter konnte ich dann je nach Bedarf individuell kürzen. Als nächstes waren die kleinen Oberlichter sowie die beiden Wassertanks direkt hinter dem Schornstein an der Reihe. Auch hier war die Herstellung relativ leicht: die dachförmigen Oberlichter schnitt ich aus 3 mm breiten Kunststoffstreifen (mittig geknickt, die offenen Flanken zugespachtelt), die Tanks gewann ich aus ca. 2,5 mm dicken Kunststoffstäben. Mit einem Dachshaarpinsel (Größe 0/0) und einer SEHR ruhigen Hand malte ich die winzigen Bullaugen in die Oberlichter auf (d.h. eigentlich weniger gemalt, eher getupft). Da jedes Oberlicht ein Bullaugenpaar hatte, kam Aufbohren nicht in Frage. Auf Grund der Winzigkeit hätte ich mangels Ausrüstung jedes Bullaugenpaar niemals so exakt bohren, wie ich sie hätte aufmalen können. Die Gitteröffnungen im Deck vor dem Schornstein konnten ebenfalls einfach, aber sehr effektvoll hergestellt werden: Den entsprechenden Bereich auf dem Deck mattschwarz anmalen. Darauf klebte ich entsprechend ausgeschnittene Segmente einer Messingreling (die natürlich zuvor weiß lackiert wurden). Für den Betrachter sieht es nun so aus, als handelte es sich bei dieser Lüftung im Deck um eine echte Öffnung. Danach wurden noch das Schanzkleid der Kommandobrücke aufgeleimt und die Brückeninstrumente (Steuerrad, Kompasse, Maschinentelegraphen) aufgestellt. Bis auf die Reling und das Bootsarrangement war das Bootsdeck fast fertig.

Nun ging´s zum Vorderdeck. Aus einer 3 mm starken Polystyrolplatte schnitt ich das Gehäuse des vorderen Niedergangs und feilte die nach vorne gerichtete Abrundung heraus. Das Gehäuse vor dem Verkleben rostrot streichen. Ebenfalls aus Teilen des Academy-Bausatzes stellte ich die vordere Dampfwinsch her: auf eine 0,5 mm starkes Kunststoffplättchen klebte ich zunächst eine entsprechend bearbeitete Winde aus dem Titanic-Bausatz. Die kleine Dampfmaschine (als Antrieb der Winsch im Original) stellte ich aus Teilen eines Heißwasserkessels des Titanic-Bausatzes her (natürlich auch entsprechend bearbeitet). Diese „Dampfmaschine“ direkt an die Winsch kleben. Danach schnitt ich im vorderen Bereich des Plättchens die „Kettenlaufbahnen“ zurecht. Anschließend wurde alles schwarz (seidenmatt) lackiert. Auch hier ein erstaunliches Ergebnis. Trotz relativer Einfachheit des Bauteils mit Verbindung aus verschiedenen Elementen wurde eine hohe Lebendigkeit erreicht. Auch die Poller für das Vorder- und Achterdeck gewann ich aus dem entsprechenden Bausatz.

Auf dem hinteren Deck musste als zentrales Element die Rudermaschine hergestellt werden. Auch hier das gleiche Vorgehen: auf eine kleine Grundplatte als „Bauteileträger“ wurden die Einzelteile der „Rudermaschine“ aufgeklebt (das Aussehen konnte ich an Hand von Fotos und Zeichnungen im Buch rekonstruieren und in groben Zügen nachbauen). Alles rostrot lackieren (die große Winde schwarz und messingfarben). Auch hier bitte einen möglicherweise stark ausgeprägten „Rekonstruktionsergeiz“ in Zaum halten. In früheren Rezensionen habe ich mehrfach darauf hingewiesen, dass man ein ausgewogenes Empfinden dafür entwickeln muss, welche Details am Modell nachgebaut und auf welche verzichtet werden sollen. Sterile und stark vereinfachte Modelle wirken auf den Betrachter genauso irritierend, wie mit allen Details überladene Modelle. Auch hier lautet der Grundsatz: Manchmal ist weniger mehr. In jedem Fall bleibt es ja uns selbst überlassen, wie weit wir mit unserem Modell gehen wollen, da wir ja einen Eigenbau erstellen und nicht an einen Hersteller gebunden sind. Meine erste „Rudermaschine“ musste ich verwerfen. Sie war mir leider völlig misslungen. Erst ein kompletter Neuanfang brachte das gewünschte Ergebnis.

Die Messingteile des Titanic/Lusitania-Bausatzes dienten mir als Lieferant für die Reling der Nomadic, ebenfalls alle Treppen, die allerdings für den vordern und die hinteren Niedergänge eingekürzt werden mussten (bei der Nomadic waren die Treppen am Bug und am Heck nur ein halbes Deck hoch).

Den vorderen Mast sägte ich mir aus dem vorderen Titanic-Mast zureckt (passend gleich mit Laterne, die Glocke schnitt ich vom Originalmast ab und platzierte sie entsprechend am Nomadic-Mast).

Als letzte Herausforderung galt es noch, die Wellin-Davits aus Messingteilen zusammen zubauen (da ist schon ein wenig Übung und Erfahrung gefordert), aber auch das gelang zufrieden stellend.

Auf alle übrigen Restarbeiten (Takelage usw.) möchte ich an dieser Stelle nun nicht mehr eingehen.

Mit diesem Beitrag konnte ich (hoffentlich) darstellen, dass mit relativ einfachen Mitteln sich ein durchaus passables Modell im Eigenbau realisieren lässt. Ein gut illustriertes Buch mit maßstäblichen Zeichnungen, eine Fülle von redundantem Modellmaterial sowie einigen Rohstoffen, gebündelt mit etwas Geschick, reichen aus, um so ein Modell zu verwirklichen. Für den Bau brauchte ich nur ein gutes, halbes Jahr, wobei ich im Herbst aus „familiären Gründen“ (besser: Zeitmangel) etliche Wochen pausieren musste. Drei bis vier Monate hätten auch gereicht, um die Fertigstellung zu vollenden.

Auch die Entscheidung, die Nomadic im gleichen Maßstab zu bauen, wie meine Olympic-Klasse, bereute ich nicht. Wie auf den Fotos zu sehen ist, passt die Nomadic perfekt zu den übrigen Schiffen dieser Klasse. Natürlich hätte ein 1/100-Modell einen großen Reiz gehabt, aber wie gesagt, ich bin ein Anhänger maßstäblicher Vergleichbarkeit.

Ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen Modellbaufreund inspirieren, sich auch an eine Nomadic heran zuwagen. Vielleicht hilft auch der Start der realen Restaurierung in Belfast bei dieser Motivation. Meine kleine Nomadic mitten in der Olympic-Klasse: Das erinnert mich an Davit und Goliath. Und wie im biblischen Vorbild überlebte der kleine Davit. Hoffen wir also für unsere große