Die Britannic

 
© Stuart Williamson
 

TITANICs jüngere Schwester, das dritte und gleichzeitig letzte Schiff der sogenannten "Olympic Class", beginnt ihre Geschichte mit der Jungfernfahrt der ältesten der drei Schwestern, der OLYMPIC. Von deren Leistung war Joseph Bruce Ismay, seines Zeichens Geschäftsführer der White Star Line und Präsident der IMM, dermaßen überzeugt, dass er noch vor Ankunft der OLYMPIC in New York am 20. Juni 1911 telegraphisch den Bauauftrag für das dritte Schiff einer der gigantischsten Baureihen des frühen 20. Jahrhunderts in Auftrag gab.

GIGANTIC sollte sie laut der damaligen Pressemitteilungen wohl heißen, obwohl dies von Bruce Ismay später immer wieder dementiert wurde, und sich damit nahtlos in die klangvolle Welt griechischer Götternamen ihrer Vorgängerinnen einzureihen. Doch die Geschichte wollte es ganz anders - der letzte Titan der White Star Line, dessen Name heute fast schon in Vergessenheit geraten ist, lautet H.M.H.S. BRITANNIC.

Trotz des früh erteilten Bauauftrags im Juni 1911 konnten die ersten Arbeiten an der BRITANNIC nicht vor Ende November in Angriff genommen werden, da die beiden großen Hellinge von Harland & Wolff in Belfast bis zu diesem Zeitpunkt durch die Konstruktionsarbeiten an anderen Schiffen belegt waren. Erst mit dem Stapellauf der RMS ARLANZA konnte schließlich eine Woche später in der gleichen Helling, in der zuvor auch die OLYMPIC entstanden war, am 30. November 1911 mit der Baunummer 433 die BRITANNIC auf Kiel gelegt werden.

Bereits viereinhalb Monate später jedoch sorgte der Verlust der TITANIC dafür, dass die Bauarbeiten am Rumpf der BRITANNIC vorläufig gestoppt werden mussten, wohl wissend, dass die wegen des Untergangs des Luxusliners einberufenen Untersuchungskommissionen Änderungen an der Konstruktion erforderlich machen würden. Und so zogen sich die Arbeiten an der Schiffshülle zwei Monate über einen ursprünglich geplanten Termin (Ende des Jahres 1913), bis am 26. Februar 1914 die BRITANNIC endlich vom Stapel laufen konnte.

Sie befand sich nicht einmal sechs Monate im Ausrüstungsdock, als der Ausbruch des 1. Weltkrieges die Geschichte der BRITANNIC für immer verändern sollte. Nachdem ihre Ausstattung mehrere Monate aufgrund dringender Kriegsprojekte (zivile Bauprojekte mussten dafür zurückstecken) vor sich hin dümpelte, ohne rechte Fortschritte zu machen, wurde die BRITANNIC am 13. November 1915 schließlich von der britischen Admiralität requiriert und zum Hospitalschiff deklariert.

Von nun an hatte die Fertigstellung der BRITANNIC absolute Priorität und legte rasant an Geschwindigkeit zu, so dass sie bereits nicht einmal einen Monat später, am 08. Dezember, ihre Testfahrten im Belfast Lough absolvieren und noch am gleichen Tag an die White Star Line übergeben werden konnte. Am 23. Dezember 1915 trat sie schließlich ihre "Jungfernfahrt" an, die allerdings mitten ins Krisengebiet des östliches Mittelmeers führte - ohne Passagiere, dafür mit einer stattlichen Zahl medizinischen Personals an Bord.

Bis zum November 1916 absolvierte sie fünfmal die Strecke Southampton-Mudros-Southampton, bis es am 21. November 1916 gegen 08:12 Uhr zur Katastrophe kam. Erneut auf dem Wege nach Mudros im Kanal vor Kea erschütterte eine ungeheure Explosion auf der Steuerbordseite zwischen den Frachträumen 2 und 3 das Schiff, und obwohl nur die vier vordersten wasserdichten Abteilungen dabei beschädigt wurden, ließen sich die Schotten zwischen Kesselraum 6 und 5 nur unvollständig schließen, wodurch enorme Wassermassen ins Schiffsinnere vordrangen und der BRITANNIC sofort Schlagseite verpassten. Keine 15 Minuten nach der Explosion lagen die Bullaugen des E-Decks, sonst gute 7,60m über der Wasserlinie, bereits unter Wasser und verschlimmerten die ohnehin wenig aussichtsreiche Situation, da die meisten von ihnen weit offen standen.

Captain Charles Bartlett sah keine andere Möglichkeit als den Versuch, die BRITANNIC vor der Insel Kea auf Grund zu setzen; er scheiterte aber, da sich aufgrund der Vorwärtsbewegung die vorderen Abteilungen nur noch schneller mit Wasser füllten.

Um 08:35 Uhr gab Captain Bartlett schließlich gezwungenermaßen das Kommando zum Verlassen des Schiffes. Weitere 10 Minuten später machte es die Schlagseite der BRITANNIC unmöglich, die Davits der Backbordseite zu nutzen. Gegen 09:00 Uhr waren immerhin 35 Rettungsboote zu Wasser gelassen, die aus einiger Entfernung mitansehen mussten, wie die BRITANNIC um 09:07 Uhr kenterte und versank.

 
© Stuart Williamson
 

Erst im Jahre 1976 entdeckte eine Tauchexpedition unter der Leitung von Jacques Ives Cousteau zum ersten Mal das Wrack der BRITANNIC mit Hilfe der neuen Side-Scan-Technologie. Weitere 20 Jahre später machte sich Meeresforscher Dr. Robert Ballard 1996 ebenfalls auf die Suche nach der BRITANNIC, um das letzte Schiff der "Olympic Class" näher zu erforschen.

Daten der HMHS BRITANNIC:
Kiellegung: 30. November 1911
Stapellauf: 26. Februar 1914
Jungfernfahrt: 23. Dezember 1915
Ende letzte Reise: 21. November 1916
BRT: 48.158 (24.592 NRT)
Länge ü.a.: 271,35 m
Breite ü.a.: 28,75 m
Maschine: 2 x 4-Zylinder Dreifachexpansions-Dampfmaschine + 1 Niederdruck-Parsonsturbine am Mittelpropeller
Schrauben: 3
Kessel: 29 (mit 159 Brennöfen)

Passagierkapazität:
Vorgesehen waren 790 in der ersten Klasse, 836 in der zweiten Klasse, 953 in der dritten Klasse; die BRITANNIC beförderte jedoch nie einen einzigen zahlenden Passagier.

© Petra Feyahn

Quellen:
Simon Mills "The Last Titan"
Duncan Haws "Merchant Fleets: White Star Line"