Titanic Modellbausatz im Maßstab 1:350 von Minicraft

von Wolfgang Skudlarek (AG Modellbau)

In  der dritten Rezension wollen wir uns nunmehr mit einem Titanic-Bausatz beschäftigen, der wohl als der “Königsbausatz” bezeichnet werden muss; trotz einiger Mängel gibt es nichts auf dem Weltmarkt, was in Punkto Größe und Detailfülle auch nur annähernd an diesen Bausatz heranreicht, zumindest, was an den breiten, kommerziellen Markt betrifft.

Der hier vorgestellte Bausatz ist mittlerweile in die Jahre gekommen; erstmals 1974 brachte die Firma ”ENTEX” ein Modellduo im Maßstab 1:350 auf den Markt, nämlich ”The late, great Lusitania” und ”The late, great Titanic”. Anfang der achtziger Jahre dann wurde der Titanic-Bausatz ziemlich lustlos von REVELL ausschließlich für den deutschen Mark vertrieben, mit reduzierter Bauanleitung und einem schlechten Kartonbild. 1982 war ENTEX pleite, aber schon in den Jahren 1986 bis 87 wurden bereits von REVELL produzierte Modelle von der neuen Firma MINICRAFT bzw. ACADAMY übernommen; in Japan wurde dieses Modell von der Firma GUNZE vertrieben. Das Joint Venture MINICRAFT/ ACADAMY endete 1998, danach Alleinvertrieb durch MINICRAFT und Produktion in China; das Modell wurde vor zwei Jahren überarbeitet, wobei einige Mängel beseitigt wurden. Es bleibt aber etwas zu tun.

MINICRAFT bietet diesen Bausatz in zwei Versionen an; zum Einen als Standard und zum Anderen unter der Bezeichnung ”deluxe Edition”. Der nächstbilligere Bausatz ist der von REVELL (mit dem Maßstab 1:400 nur wenig kleiner). Rechtfertigt das die Preisdifferenz? Wir werden sehen.

Vergleichen wir aber zunächst die beiden MINICRAFT-Versionen Standard und ”deluxe Edition”. Der ”deluxe Edition”-Bausatz weist folgende, zusätzliche Ausstattungsmerkmale auf:

  • Feine Messing-Reling für sämtliche Bereiche des Schiffes in Foto-Ätztechnik
  • Zusätzliche Abziehbilder (u.a. Rettungsbootnummern und das goldene Rumpfband)
  • Wesentlich ausführlichere Bauanleitung
  • Sehr schön gestaltete Verpackung; das Deckelbild zeigt die Titanic als Gemälde von Ken Marschall. Das Bild wird durch keinerlei Schriftzüge gestört. Wenn man mit dem Karton pfleglich umgeht, gewinnt man nebenbei ein schönes Bild zum Einrahmen!

Lohnt sich diese Mehrausgabe? Ich meine ja. Allein durch die Verwendung der Messing-Reling gewinnt das Modell gewaltig! Die oft geübte Kritik, dass Plastik-Modellbausätze zu klobig seien, wird hier nachhaltig entkräftet. Wer dennoch diese Mehrausgabe scheut kann als Kompromiss bei dem Standard-Modell die Plastik-Reling weglassen (ist bei Modellbauern durchaus üblich und kein Mangel!).

Kommen wir nun aber zu den Details.

Äußeres

Die Verpackung der Standard-Version zeigt eine Hafenszene mit der Titanic (soll offensichtlich Southampton sein). Auch dieses Verpackungsgemälde ist verunglückt (wie alle anderen auch, mit einer Ausnahme). Der Rest ist positiv: An den Seiten sind fünf Fotos eines fertigen Modells abgedruckt; man bekommt einen guten Eindruck vom Modell. Mehr Informationen enthält die Verpackung leider nicht; so fehlen Angaben über Anzahl der Teile, Schwierigkeitsgrad nicht näher definiert usw.

Die ”deluxe Edition”-Version wartet mit einem schönen (eingerahmten und ungestörten) Gemälde von Ken Marschall auf; bisher das einzig vernünftige Bild eines Titanic-Bausatzes. Die Kartonseiten zieren insgesamt neun Modellfotos, auf denen man die Vorzüge der Messing-Reling bereits erkennen kann. Weitere nützliche Informationen  (außer dem Hinweis ”Skill Level Three”, was immer das bedeutet) enthält auch diese Version nicht. Dennoch:

Wer sich als potentieller Käufer aber die abgedruckten Modellfotos genau anschaut, kann durchaus einschätzen, das die erkennbare Datailfülle auf einen Bausatz für den erfahreneren Modellbauer hinweist und höheren Ansprüchen genügt.

Der Inhalt

Das Modell besteht aus vier verschiedenen Sorten Kunststoff: Schwarz für Rumpf, Anker und Display-Ständer, weiß für Aufbauten und alle Kleinteile, hellbraun für alle Decks, glasklar für die Kuppeln der Erste-Klasse-Treppenhäuser.

Der Rumpf ist einteilig und reicht bis zum B-Deck hinauf (erleichtert die Montage, erschwert aber das Bemalen). Er ist sehr fein strukturiert; die Beplankung (teilweise mit Nieten) und alle anderen Details sind nachgebildet. Und genau bei diesem Teil beginnt die Odysee eines Fehlers, der sich in alle folgenden Titanic-Bausätze eingeschlichen hat: Die Bullaugenreihe des C-Decks ist gegenüber den großen Fenstern des achternen Zweite-Klasse-Promenadendecks zu hoch gerutscht. Den MINICRAFT-Leuten ist dies durchaus bewusst (steht im Vorwort der Bauanleitung), an eine Änderung ist wohl aber noch nicht gedacht.

Aber: Andere Mängel sind inzwischen beseitigt. Endlich ein Titanic-Modell, welches mit dem Zentralanker auf dem Vorderdeck ausgerüstet ist (damit hat der Kran auch eine Funktion)! Der Anker ruht in einer Versenkung, die Laufstege an den Seite der Kuhle sind nachgebildet. Ebenfalls korrigiert: Die beiden Niedergänge zum A-Deck im Bereich der Kommandobrücke sind nicht mehr mit einer Haube versehen, sondern mit der orginären Brüstung. Neu hinzugefügt wurden kleine Oberlichter im Bereich der Offizierslogies und des Vorderdecks. Die Luke des vordersten Laderaums wurde vorbildgetreu neu gestaltet und präsentiert sich nicht mehr als plumper Kasten wie beim Vorgänger-Modell.

Zwei weitere Fehler kann man aber selbst relativ einfach beheben:

  • Fehlende Bullaugen im Heck (mit 1mm-Bohrer nacharbeiten oder mit Farbe nachbilden)
  • Die Front des Steuerhauses in der Kommandobrücke war bei der Titanic gerade (gebogen war sie nur bei der Olympic). Teil ”J30” in heissem Wasser geradebiegen, überstehende Teile vorsichtig abfeilen.

Die Qualität der Bauteile ist nur zufriedenstellend; kleinere Teile (wie Lüfterhutzen) müssen nachgearbeitet werden. Der Sitz der großen Teile, wie Decks und Aufbauten, muss pingelig kontrolliert werden; das Unterlassen von Nachbearbeitung für den korrekten Sitz ist nicht empfehlenswert!

Insgesamt ist das Modell sehr detailliert, so z.B.:

  • Auch nach der Montage kaum mehr sichtbare Aufbauten (Wände der B-Deck-Suiten, des Cafes Parisienne und A-la-Carte-Restaurants) sind vorhanden.
  • Der Rauchsalon besitzt auch im Modell Überhöhe.
  • Alle Fenster (teilweise mit Fensterkreuzen) sind durchbrochen.
  • Deckslampen, Handläufe, Leitern, Rettungsringe (separat) sind vorhanden.
  • Die Fensterluken des Maschinenraumschachtoberlichtes können geöffnet oder verschlossen montiert werden.
  • Die Kuppeln der beiden Erste-Klasse-Treppenhäuser können  eingebaut werden.
  • Rettungsboote, Wellin-Davits und alle Sitzbänke werden separat montiert,

und vieles mehr.

Beigefügt sind die wichtigsten Abziehbilder (Titanic-Schriftzüge, Tiefenlote), in der ”deluxe”-Version weitere wie bereits genannt.

Die Bauanleitung

Die Bauanleitung wurde ebenfalls überarbeitet mit einleitenden Montagehinweisen gefolgt von einer Übersichtszeichnung aller Teile. Die Montagezeichungen selbst wirken allerdings in dieser Preisklasse nicht professionell: Sie machen eher den Eindruck wie selbstgefertigte Skizzen, die mit einem Fotokopierer vervielfältigt wurden.

Trotz dieser ”optischer” Mängel ist die Bauanleitung insgesamt gut verständlich und anschaulich. Auf wichtige Details wird separat hingewiesen. Neu sind auch die Hinweise auf die Farbgebung, die allerdings nur eingeschränkt von Nutzen sind. MINICRAFT verfügt nicht über eine eigene Farbpalette; es wird lediglich auf Produkte von HUMBROL, REVELL, GUNZE u.ä. verwiesen.

Alle Erläuterungen der Bauanleitung sind in Englisch verfasst ohne deutsche Übersetzung.

Besondere Montagehinweise

Wie eingangs bereits erwähnt müssen vor allem die Kleinteile von Gussgraten befreit werden; bei der Montage der größeren Teile wie Decks und Aufbauten ist bei diesem Maßstab mit größter Präzision zu arbeiten. Hier die wichtigsten Hinweise:

  • Die Montage des A-Decks ist etwas unglücklich vom Hersteller vorgegeben: Das A-Deck (mit den Aufbauten) wird mit dem Bootsdeck und den seitlichen Promenadendeckver- kleidungen quasi als Kasten gebaut und dann auf den Rumpf (Oberkante B-Deck) aufgesetzt. Haben sich dann Ungenauigkeiten eingeschlichen, ist eine Korrektur kaum noch möglich!

Tipp: Vor der Montage unbedingt Passgenauigkeit des A-Decks auf dem Rumpf prüfen und ggf. nacharbeiten!

Tipp: Die Brückenfront (Bauteil J39) nicht wie vorgeschlagen bei der Montage des ”Promenadendeckkastens” ankleben, sondern erst ganz zum Schluss, wenn der Aufbau der Offiziersunterkünfte montiert wird. Den Grund finden wir auf mehreren Fotos der Verpackung. Offensichtlich wurde ungenau gearbeitet, denn das Dach der Kommandobrücke ist vorne deutlich nach unten gezogen, weil zwischen der Oberkante der Brückenfront und dem Dach eine Lücke klaffte. Diese Höhendifferenz zwischen den Decks und der Brückenfront kommt zustande, weil die Summe der Höhe von Aufbauten des Bootsdecks, des A-Decks und des B-Decks größer ist, als die Höhe der Brückenfront. Daher dieses Bauteil als Schablone benutzen und so bei jedem Baufortschritt ”nachmessen”, ob die Höhe noch stimmt! Erst dann einbauen!

  • Wird die Plastikreling des Standard-Bausatzes verwendet bitte folgendes beachten: Die Relingteile sparsam verwenden (nicht viel wegschneiden, lieber biegen, das spart Material), es wird sonst nicht reichen! Die Reling unter heißem Wasser in Form biegen (sehr hilfreich sind die im Bauplan abgedruckten Schablonen). Bitte nicht unter Spannung verkleben, sonst lösen sich irgendwann die Klebenähte. Für die Abtrennung der einzelnen Klassen auf dem Bootsdeck reicht das überschüssige Relingmaterial leider nicht.
  • Bei der Verwendung der Messingreling gibt es einen Wermutstropfen: Die Plastikreling der Niedergänge passt nun gar nicht mehr zur filigranen Messingreling.

Tipp: Die Plastikreling der Niedergänge ersatzlos wegschneiden oder aber wegschneiden und durch kleine Drahtstücke, mit der die Reling nachgebildet wird, ersetzen (das ist dann aber Geduldsarbeit pur!) .

Tipp: Die durchbrochenen Fenster eignen sich hervorragend für eine Verglasung. Dünne PVC-Folie in DIN A4-Format (gibt´s im Fachhandel) zurecht schneiden und vorsichtig hinter die Fenster kleben (dafür eignet sich Flüssigkleber).

Aber: Insgesamt kein Modell für unerfahrene Bastler!

Farbgebung, Bemalung

Da MINICRAFT über keine eigene Farpalette verfügt, habe ich eine Übersichtstabelle erstellt, auf der die wichtigsten Teile mit den passenden Farben kombiniert sind; ansonsten sind  Bemalungsvorschläge in der Bauanleitung vorhanden.

Bauteile

REVELL-Farbnummer

Rumpf, unter der Wasserlinie

Purpurrot 331 (seidenmatt)

Rumpf

302 schwarz (seidenmatt)

Seitenwände, alle Aufbauten, Boote, Lüfter, Reling

301 weiß (seidenmatt)

Decks

Ocker 88 (matt)

Poller, Winden, Schornsteinkappen

302 schwarz (seidenmatt)

Schornsteinabdeckungen

9 anthrazit (matt)

Schornsteinsockel

Grau 374 (seidenmatt)

Geländer, Fensteröffnungen, Bootsränder, Maste, Bänke

Holzbraun 383 (seidenmatt)

Teile der C-Deckaufbauten, Kransockel

Rostbraun (matt)

Schrauben, Windenoberseiten, Glocke

Messing 92

Weitere Farben für das Herausheben von Details wie Leitern, Decksbeleuchtungen, Rettungsringe usw. sind natürlich nötig.

Abziehbilder

Sind in der überarbeiteten Version reichlich vorhanden: Schriftzüge, Tiefenlote, Goldband, Rettungsbootnummern usw. sind vorhanden. Sehr beachtlich!

Abschließende Bewertung

Insgesamt ein sehr solides, repräsentatives und detailgenaues Modell. Die erwähnten Ungenauigkeiten sollten von einem Kauf nicht abhalten. Momentan gibt es auf dem kommerziellen Mark weltweit nichts Besseres! Im Internet ist eine Fülle von Herstellern vertreten, die speziell für diesen Bausatz Zusätze anbieten, um dieses Modell weiter zu verfeinern (darüber werde ich noch ausführlich berichten). Der Preis ist für beide Bausätze sehr hoch; mit allen Zusätzen erreicht so ein Modell dann schnell mehrere hundert Euro! Der Bausatz ist meist bei den Fachhändlern nicht vorrätig, er muss dort bestellt werden. Wenn Eurer Fachhändler meint, diesen Bausatz gäbe es nicht mehr auf dem deutschen Markt, dann gebt bitte folgende Bezugsquelle an:

Preiser Kleinkunstwerkstätten M.Preiser GmbH
Postfach 1233
91 534 Rothenburg o.d.T

Bei dieser Adresse kann allerdings nur der Fachhandel bestellen, kein Endverbraucher!

Bestellnummer MINICRAFT: 11312